Schiedsrichter-Beben in der Türkei – MHK-Chef Gündoğdu festgenommen

Der türkische Fussball wird von einem neuen Skandal erschüttert. Ferhat Gündoğdu, Präsident des für das Schiedsrichterwesen zuständigen Merkez Hakem Kurulu (MHK), ist am Dienstag zusammen mit sechs weiteren Personen festgenommen worden. Die Ermittlungen betreffen unter anderem den Verdacht auf Manipulationen beziehungsweise Unregelmässigkeiten bei internen Schiedsrichterprozessen sowie Vorwürfe der Urkundenfälschung.

Die von der Istanbuler Staatsanwaltschaft koordinierte Operation wurde gleichzeitig in Istanbul, Ankara, Elazığ und Manisa durchgeführt. Neben Gündoğdu befinden sich mehrere aktuelle und ehemalige Funktionäre aus dem türkischen Schiedsrichterwesen in Polizeigewahrsam. Grundlage der Ermittlungen sind nach Angaben der Behörden unter anderem Finanzanalysen der Behörde MASAK, Kommunikationsdaten, Aussagen von Betroffenen und Zeugen sowie Gutachten.

Für den türkischen Fussball ist der Fall besonders brisant, weil die Ermittler Vorgänge untersuchen, die unmittelbar das Schiedsrichterwesen betreffen. Dabei geht es nach Angaben des türkischen Justizministers Akın Gürlek unter anderem um Klassierungen von Schiedsrichtern, Spielansetzungen, Bewertungen, Ernennungsverfahren und Regelprüfungen. Die strafrechtlichen Vorwürfe gegen die Festgenommenen sind nicht rechtskräftig beurteilt.

Sieben Personen bei Razzien festgenommen

Die Ermittlungen werden von der Istanbuler Staatsanwaltschaft geführt. Ausgangspunkt war nach türkischen Medienberichten die Aussage eines Betroffenen vom 15. September 2025. Im weiteren Verlauf wurden umfangreiche Untersuchungen eingeleitet.

Am Dienstag folgte nun der bisher sichtbarste Schritt der Behörden. Bei gleichzeitig durchgeführten Einsätzen in vier Provinzen wurden sieben Personen festgenommen.

Neben MHK-Präsident Ferhat Gündoğdu gehören dazu Ferdi Karadoruk, Präsident der Vereinigung aktiver türkischer Schiedsrichter, der frühere MHK-Vizepräsident Ahmet Şahin und das ehemalige MHK-Mitglied Yunus Yıldırım.

Ebenfalls festgenommen wurden Sebahattin Şahin, Alican Sağlar und Emre Kosif, die unterschiedliche Funktionen innerhalb der türkischen Schiedsrichterorganisation beziehungsweise der entsprechenden Verbände bekleiden.

Schiedsrichter-Klassierungen und Ansetzungen im Fokus

Besonders schwer wiegen die Angaben von Justizminister Akın Gürlek zum Gegenstand der Untersuchung. Demnach werden mutmassliche Eingriffe in mehrere zentrale Abläufe des türkischen Schiedsrichterwesens untersucht.

Dazu gehören die Erstellung von Schiedsrichter-Klassierungen, die Zuteilung von Einsätzen, Bewertungen und Ernennungsverfahren sowie Regelprüfungen. Damit geht es nicht lediglich um administrative Nebensächlichkeiten, sondern um Prozesse, die für die Auswahl und Karriere von Schiedsrichtern sowie ihre späteren Einsätze von Bedeutung sind.

Die Behörden untersuchen zudem Vorwürfe im Zusammenhang mit Mobbing beziehungsweise Misshandlungen und der Fälschung offizieller Dokumente.

Ob und in welchem Umfang einzelne Beschuldigte tatsächlich für strafbare Handlungen verantwortlich sind, ist Gegenstand der laufenden Untersuchung. Eine Verurteilung liegt nicht vor.

Finanz- und Kommunikationsdaten ausgewertet

Die Ermittler stützen ihre Untersuchung auf verschiedene Quellen. Nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu wurden offene Quellen ausgewertet sowie Daten der türkischen Finanzermittlungsbehörde MASAK und sogenannte HTS-Daten aus dem Telekommunikationsbereich untersucht.

Hinzu kommen Aussagen von Beschwerdeführern und Zeugen sowie Feststellungen von Sachverständigen. Auf dieser Grundlage kamen die Ermittlungsbehörden zum Schluss, dass bei Gündoğdu und weiteren Personen ein möglicher Zusammenhang mit den untersuchten Vorgängen bestehen könnte.

Bei den Einsätzen wurden zudem Wohnungen, Arbeitsplätze und Büros durchsucht. Die sieben Festgenommenen wurden anschliessend für die weiteren Verfahren zur Polizei gebracht.

Türkischer Fussball kommt nicht zur Ruhe

Der neue Fall trifft das türkische Schiedsrichterwesen in einer ohnehin schwierigen Phase. Bereits 2025 hatte ein grosser Wettskandal für erhebliche Unruhe gesorgt. Damals hatte der türkische Verband bekanntgegeben, dass bei Untersuchungen zahlreiche Schiedsrichter mit Wettkonten aufgefallen waren.

149 Schiedsrichter erhielten damals Disziplinarstrafen. Der aktuelle Fall ist allerdings von diesen damaligen Ermittlungen zu unterscheiden. Bislang haben die Behörden keine direkte Verbindung zwischen den beiden Verfahren bestätigt.

Sportlich sorgt die türkische Süper Lig ohnehin regelmässig international für Aufmerksamkeit. Erst vor wenigen Tagen erlebte Galatasaray bei der 0:4-Niederlage gegen Trabzonspor einen bitteren Abend. Die jetzigen Ermittlungen betreffen dagegen die Strukturen hinter den Spielen und könnten deshalb weitreichende Folgen für das Vertrauen in das türkische Schiedsrichterwesen haben.

⚖️ DAS WIRD JETZT UNTERSUCHT

  • Sieben Personen aus dem aktuellen und früheren türkischen Schiedsrichterwesen wurden festgenommen.
  • Die Ermittlungen betreffen unter anderem Schiedsrichter-Klassierungen, Ansetzungen, Bewertungen, Ernennungsverfahren und Regelprüfungen.
  • Ausgewertet wurden unter anderem MASAK-Finanzdaten, Kommunikationsdaten, Zeugenaussagen und Gutachten.
  • Die Vorwürfe sind Gegenstand eines laufenden Strafverfahrens; eine rechtskräftige Verurteilung der Beschuldigten liegt nicht vor.

 

Quelle: belmedia-Redaktion
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