150'000 Autobahnkilometer können besser sein als 50'000 Stadt-Kilometer
von belmedia Redaktion Allgemein Auto Magazine Mobilität motor.ch motortipps.ch nachrichtenticker.ch News Orte Regionen Schweiz Schweiz Themen Ⳇ Verbreitung
Beim Gebrauchtwagenkauf wirkt ein niedriger Kilometerstand auf den ersten Blick automatisch besser. Technisch kann das jedoch täuschen: Ein Auto mit 150’000 überwiegend ruhig gefahrenen Autobahnkilometern kann mechanisch in einem besseren Zustand sein als ein Fahrzeug mit nur 50’000 Kilometern, das fast ausschliesslich für kurze Stadtfahrten genutzt wurde. Entscheidend ist nicht nur, wie weit ein Auto gefahren wurde, sondern vor allem wie.
Auf der Autobahn läuft der Motor meist lange bei stabiler Temperatur und relativ gleichmässiger Last. Kurzstrecken bedeuten dagegen viele Kaltstarts, häufiges Beschleunigen und Bremsen, Stop-and-go sowie wiederholte Fahrten, bei denen Motoröl und Abgasanlage ihre optimale Betriebstemperatur gar nicht vollständig erreichen.
Deshalb sollte beim Gebrauchtwagenkauf der Kilometerstand nie isoliert betrachtet werden. Servicehistorie, Fahrprofil, Ölwechsel, Verschleisszustand und Nutzung sagen oft deutlich mehr über das Auto aus als die reine Zahl im Tachodisplay.
Warum Autobahnkilometer oft vergleichsweise schonend sind
Nach dem Start eines Verbrennungsmotors benötigen Motor, Öl, Kühlmittel und Abgasanlage Zeit, bis sie ihre normale Betriebstemperatur erreichen.
Ist das Fahrzeug einmal warm, ändern sich die Bedingungen grundlegend. Das Motoröl arbeitet im vorgesehenen Temperaturbereich, der Motor läuft mit konstantem Schmierfilm und viele Bauteile werden nicht ständig zwischen kalt und warm belastet.
Auf einer längeren Autobahnfahrt gibt es zudem meist deutlich weniger Kupplungsarbeit, Schaltvorgänge und starke Bremsmanöver als im dichten Stadtverkehr.
Das bedeutet nicht, dass hohe Laufleistungen automatisch harmlos sind. 150’000 Kilometer bleiben 150’000 Kilometer. Radlager, Fahrwerk, Reifen, Antriebswellen und andere Komponenten werden auch auf der Autobahn beansprucht.
Der Unterschied liegt vor allem darin, dass diese Kilometer häufig unter gleichmässigeren Betriebsbedingungen entstehen.
Kurzstrecken belasten Motoröl besonders
Ein wesentliches Problem häufiger Kurzfahrten ist das Motoröl.
Der ADAC weist darauf hin, dass bei Ottomotoren im Kurzstreckenbetrieb unverbrannte Kraftstoffbestandteile ins Motoröl gelangen können. Das kann die Viskosität reduzieren und damit die Schmierfähigkeit beeinträchtigen.
Bei Dieselmotoren kann ein ähnlicher Effekt auftreten, insbesondere wenn der Partikelfilter häufig regenerieren muss.
Auch Wasser und Verbrennungsrückstände gelangen ins Öl. Wird der Motor regelmässig vollständig warm, können Feuchtigkeit und Kraftstoffanteile eher wieder aus dem Öl ausdampfen.
Bei ständigem Kaltbetrieb bleibt dafür weniger Zeit.
Wer genauer verstehen möchte, warum vollständiges Warmfahren wichtig ist, findet dazu bereits den Beitrag warum längere Fahrten dem Automotor guttun können.
Diesel und Partikelfilter mögen keine Dauer-Kurzstrecke
Besonders kritisch kann ein ungünstiges Fahrprofil bei Dieselfahrzeugen mit Partikelfilter werden.
Der Filter sammelt Russpartikel und muss diese regelmässig bei hoher Temperatur verbrennen. Laut ADAC kann länger dauernder Kurzstreckenbetrieb diese Regeneration beeinträchtigen, weil die notwendige Abgastemperatur nicht erreicht wird.
Dann steigt die Beladung des Filters.
Moderne Fahrzeuge versuchen eine aktive Regeneration einzuleiten. Wird eine solche Regeneration jedoch durch wiederholtes Abstellen unterbrochen, kann das langfristig problematisch werden.
Deshalb verfügen Hersteller bei entsprechenden Problemen teilweise sogar über konkrete Anweisungen für sogenannte Regenerationsfahrten.
Auch Batterie, Kupplung und Bremsen leiden im Stadtverkehr
Kurzstrecken betreffen nicht nur den Motor.
Jeder Startvorgang benötigt vergleichsweise viel elektrische Energie. Auf sehr kurzen Fahrten hat die Lichtmaschine weniger Zeit, die Batterie wieder vollständig zu laden.
Hinzu kommen moderne elektrische Verbraucher, Sitzheizung, Scheibenheizung, Lüftung und Infotainment.
Auch Kupplung und Getriebe werden im Stadtverkehr häufig stärker beansprucht. Stop-and-go bedeutet ständiges Anfahren, Schalten und Rangieren.
Bei Fahrzeugen mit manueller Kupplung kann das einen erheblichen Unterschied machen.
Ähnliches gilt für die Bremsanlage. Ein Autobahnfahrzeug kann Tausende Kilometer mit relativ wenigen starken Bremsungen zurücklegen. Ein Stadtfahrzeug erlebt dagegen täglich zahlreiche Verzögerungsvorgänge.
150’000 Kilometer sind trotzdem kein Freipass
Man sollte den Vergleich nicht falsch verstehen.
Ein Fahrzeug mit hoher Autobahn-Laufleistung kann ebenfalls verschlissen oder schlecht gewartet sein.
Wer Ölwechsel zu lange hinauszögert, permanent mit sehr hoher Geschwindigkeit fährt oder den kalten Motor stark belastet, tut dem Auto auch auf der Autobahn keinen Gefallen.
Ebenso können viele Autobahnkilometer Spuren an Fahrwerk, Reifen, Windschutzscheibe oder Lack hinterlassen.
Entscheidend ist deshalb immer die Kombination aus Nutzung und Wartung.
Beim Gebrauchtwagen ist das Fahrprofil entscheidend
Ein niedriger Kilometerstand wirkt beim Verkauf attraktiv, ist technisch aber nur ein Teil der Wahrheit.
Ein zehn Jahre altes Auto mit 50’000 Kilometern kann fast sein gesamtes Leben auf fünf Kilometer langen Arbeitswegen verbracht haben.
Ein gleich altes Fahrzeug mit 150’000 Kilometern könnte dagegen täglich 70 Kilometer über die Autobahn gefahren worden sein, regelmässig gewartet worden sein und dabei fast immer vollständig warm geworden sein.
Welches Fahrzeug technisch besser ist, lässt sich deshalb nicht allein am Kilometerzähler erkennen.
Servicebelege, Ölwechselintervalle, Zustand von Kupplung, Bremsen und Fahrwerk sowie die Aussagen des Vorbesitzers über das frühere Fahrprofil sind beim Kauf wesentlich aussagekräftiger.
- Kilometerstand: nicht isoliert bewerten – Autobahnkilometer können vergleichsweise schonend entstanden sein.
- Servicehistorie: lückenlose Wartung und regelmässige Ölwechsel sind wichtiger als eine besonders niedrige Laufleistung.
- Fahrprofil: häufige Kurzstrecken und viele Kaltstarts können Motor, Batterie und Abgasreinigung stärker belasten.
- Probefahrt: Kupplung, Bremsen, Fahrwerk, Motorlauf und Warnanzeigen genau prüfen.
Die einfache Faustregel
Viele gleichmässige Kilometer sind für ein Auto häufig angenehmer als sehr viele Kaltstarts auf wenigen Kilometern.
Deshalb kann ein gepflegtes Langstreckenfahrzeug mit höherem Kilometerstand durchaus die bessere Wahl sein.
Die wichtigste Regel beim Gebrauchtwagenkauf lautet daher: Nicht nur fragen, wie viele Kilometer ein Auto gefahren ist, sondern auch, wie diese Kilometer entstanden sind.
Wer viel auf der Autobahn unterwegs ist, sollte neben dem Fahrzeugzustand auch die Sicherheit im Blick behalten: ausreichend Abstand, regelmässige Pausen und eine vorausschauende Fahrweise gehören zu jeder längeren Fahrt.
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Quelle: belmedia-Redaktion
Bildquelle: Symbolbild – Titelbild – KI-generiert