Vom Waffenplatz zur Stadt: Wie das Militär Thun verändert hat

Seit mehr als 200 Jahren prägt das Militär die Entwicklung Thuns. Aus der ersten eidgenössischen Militärschule entstand ein weitläufiger Waffenplatz, der neue Arbeitsplätze, Wohnquartiere, Verkehrswege und Industriebetriebe in die Stadt brachte.

Kasernen, Werkstätten und Übungsflächen veränderten nicht nur das Stadtbild. Sie beeinflussten den Alltag ganzer Generationen und hinterliessen ein bauliches, wirtschaftliches und landschaftliches Erbe, mit dem Thun bis heute umgeht.

Thun vor dem Aufbau des Waffenplatzes

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war Thun eine überschaubare Stadt am Übergang zwischen Mittelland und Berner Oberland. Handel, Handwerk und regionale Märkte bestimmten das wirtschaftliche Leben. Die Aare verband den Thunersee mit der weiteren Region und verlieh dem Ort eine strategisch günstige Lage.

Gleichzeitig gewann Thun als Ausgangspunkt für Reisen in die Alpen an Bedeutung. Tourismus, Verkehr und Militär entwickelten sich später nebeneinander und benötigten ähnliche Infrastrukturen: zuverlässige Strassen, Unterkünfte, Versorgungseinrichtungen und Verbindungen zu anderen Landesteilen.

Die eidgenössische Militärschule kommt nach Thun

Die Tagsatzung beschloss 1818, in Thun eine eidgenössische Militärschule einzurichten. Der Ausbildungsbetrieb begann 1819. Für die damals noch locker organisierte Eidgenossenschaft war dies ein bedeutender Schritt hin zu einer einheitlicheren Ausbildung von Kadern und Spezialtruppen.

Thun wurde dadurch zu einem Ort, an dem Angehörige verschiedener Kantone gemeinsam ausgebildet wurden. Das Militär brachte Instruktoren, Soldaten, Handwerker und Lieferanten in die Stadt. Aus einem zunächst begrenzten Ausbildungsbetrieb entwickelte sich allmählich eine dauerhafte staatliche Einrichtung.


Die gemeinsame Ausbildung von Soldaten aus verschiedenen Kantonen unterstützte die Vereinheitlichung des Schweizer Militärwesens und stärkte Thuns überregionale Bedeutung.

Die Allmend erhält eine neue Funktion

Für Übungen, Unterkünfte und Magazine benötigte das Militär grosse zusammenhängende Flächen. 1841 verkaufte die Thuner Bürgerschaft einen Teil der ehemaligen Allmend an die Eidgenossenschaft. Damit verlor das Gebiet einen Teil seiner bisherigen Funktion als gemeinschaftlich genutzte Weide- und Freifläche.

Der Verkauf beeinflusste die räumliche Entwicklung Thuns langfristig. Auf dem Gelände entstanden militärische Anlagen, Wege und Übungsbereiche. Die Stadt musste sich fortan um einen grossen, nach eigenen Regeln funktionierenden Raum weiterentwickeln.

Die militärisch genutzten Flächen blieben nicht ohne Verbindung zur übrigen Stadt. Beschäftigte benötigten Wohnungen, Truppen brauchten Versorgung und Material musste transportiert werden. Neue Verkehrsbeziehungen entstanden zwischen Bahnhof, Stadtzentrum, Kasernen und Werkstätten.

Der Bundesstaat beschleunigt den Ausbau

Mit der Gründung des Bundesstaates 1848 übernahm der Bund mehr Verantwortung für das Militärwesen. Zunächst betraf dies vor allem Spezialtruppen. Nach der Verfassungsrevision von 1874 wurde auch die Infanterie stärker zur Bundesaufgabe.

Thun verfügte zu diesem Zeitpunkt bereits über Erfahrung, Gelände und erste Einrichtungen. Deshalb wurde der Standort weiter ausgebaut. Zeughäuser, Stallungen, Magazine, Werkstätten und Kasernen bildeten zunehmend eine funktionale Stadt innerhalb der Stadt.

Die Gebäude unterschieden sich deutlich von der kleinteiligen Altstadt. Lange Fassaden, regelmässige Fensterachsen und grosse Vorplätze vermittelten Ordnung und staatliche Präsenz. Zugleich schufen sie Blickachsen und räumliche Grenzen, die das Stadtbild bis heute prägen.


Die kompakte Altstadt und die später erschlossenen Gebiete rundherum zeigen, wie unterschiedliche Nutzungsansprüche das Wachstum Thuns bestimmten.

Kasernen verändern sich mit der Armee

Militärbauten mussten immer wieder an neue Aufgaben angepasst werden. Die Mannschaftskaserne II entstand 1863 und 1864 ursprünglich mit Stallungen und Reithallen. Zwischen 1964 und 1966 wurde sie zu Unterkünften, Schulungsräumen und Büros umgebaut.

Dieser Wandel steht beispielhaft für die Entwicklung des gesamten Waffenplatzes. Pferde und Fuhrwerke verloren an Bedeutung, während Motorfahrzeuge, Elektronik und technische Ausbildung wichtiger wurden. Bestehende Gebäude wurden umgenutzt, erweitert oder durch Neubauten ergänzt.

Die Anlagen erzählen deshalb nicht nur Militärgeschichte. An ihnen lassen sich Veränderungen in Architektur, Technik, Arbeitsorganisation und staatlicher Verwaltung ablesen. Was zunächst für Pferde, Geschütze oder grosse Materialbestände gebaut wurde, musste später völlig anderen Anforderungen genügen.

Ein grosser ziviler Arbeitsmarkt entsteht

Mit dem Ausbau der Bundesbetriebe entwickelte sich Thun zu einem bedeutenden Industriezentrum. Die Munitions- und Konstruktionswerkstätten beschäftigten Mechaniker, Schlosser, Zeichner, Ingenieure und zahlreiche weitere Fachkräfte. Das Militär schuf damit weit mehr als uniformierte Arbeitsplätze.

Besonders in Krisenzeiten stieg der Personalbedarf stark. Im November 1918 arbeiteten 1851 Personen in der Munitionsfabrik Thun. Zwei Jahre später waren es nur noch rund 320. Während des Zweiten Weltkriegs erhöhte sich der Bestand zeitweise auf etwa 2400 Beschäftigte.

Solche Schwankungen wirkten sich auf die gesamte Stadt aus. Wachsende Betriebe benötigten Wohnungen, Schulen, Geschäfte und Dienstleistungen. Bei einem Stellenabbau verloren dagegen zahlreiche Familien gleichzeitig ihre wirtschaftliche Sicherheit.


Die Mechanisierung veränderte die Ausbildung und schuf neue Berufsbilder. Fahrzeugtechnik, Präzisionsarbeit und Materialprüfung wurden zu wichtigen Kompetenzen des Industriestandorts Thun.

Neue Arbeitsplätze bringen neue Quartiere

Der militärische und industrielle Ausbau zog Arbeitskräfte aus der Region und anderen Landesteilen an. Viele liessen sich dauerhaft in Thun nieder. Dadurch wuchs der Bedarf an Wohnungen, und neue Quartiere entstanden ausserhalb der historischen Stadtgrenzen.

Auch der tägliche Verkehr nahm zu. Beschäftigte pendelten zu den Werkstätten, während Rekruten in grosser Zahl über den Bahnhof anreisten. Material, Munition und schwere Geräte mussten zuverlässig zwischen den Anlagen transportiert werden.

Die Entwicklung verstärkte Thuns Rolle als regionales Zentrum. Geschäfte, Gaststätten, Wäschereien und Beherbergungsbetriebe profitierten von der militärischen Nachfrage. Gleichzeitig machte diese Verflechtung Teile der lokalen Wirtschaft von Entscheiden des Bundes abhängig.

Der Waffenplatz prägt den Alltag

Einrückungs- und Entlassungstage gehörten über Jahrzehnte zum Rhythmus der Stadt. Uniformierte Gruppen waren am Bahnhof und in den Strassen selbstverständlich. Militärfahrzeuge, Übungen und Truppenbewegungen wurden zu wiederkehrenden Bestandteilen des öffentlichen Lebens.

Das Zusammenleben brachte nicht nur Vorteile. Schiess- und Fahrübungen verursachten Lärm, Kolonnen beanspruchten Verkehrsflächen und Teile des Geländes blieben für die Bevölkerung eingeschränkt zugänglich. Die Beziehung zwischen Stadt und Militär bestand deshalb stets aus Nutzen, Gewöhnung und Konflikten.



Vom Pferdebetrieb zur Panzertechnik

Mit der Mechanisierung stiegen die technischen Anforderungen an die Werkstätten. Die eidgenössischen Konstruktionswerkstätten in Thun produzierten unter anderem die Schweizer Panzer 61 und 68. Dadurch wurde die Stadt zu einem wichtigen Zentrum für Fahrzeugbau und militärische Technik.

Als der Leopard 2 ab 1987 den Panzer 68 ersetzte, veränderten sich Produktion und Unterhalt erneut. Das in Thun aufgebaute Fachwissen blieb jedoch wertvoll. Mechanik, Elektronik, Logistik und Materialprüfung bildeten die Grundlage für weitere militärische und zivile Tätigkeiten.

Die Bundesbetriebe bildeten Fachkräfte aus, deren Kenntnisse auch ausserhalb des Waffenplatzes gefragt waren. So entstand ein regionales Netzwerk aus öffentlichen Stellen, Industriebetrieben und spezialisierten Zulieferern. Unternehmen wie RUAG führen einen Teil dieser technischen Tradition in veränderter Form fort.

Vom militärischen Zweckbau zum Kulturerbe

Viele Gebäude werden heute anders genutzt als zur Zeit ihrer Entstehung. Stallungen, Magazine und Werkhallen entsprechen teilweise nicht mehr den aktuellen militärischen Anforderungen. Damit stellt sich die Frage, welche Anlagen erhalten, umgebaut oder ersetzt werden sollen.

Historische Militärbauten dokumentieren die Entwicklung des Bundesstaates ebenso wie Veränderungen der Bau- und Waffentechnik. Ihre Erhaltung kann jedoch aufwendig sein. Brandschutz, Energieverbrauch, Erdbebensicherheit und hindernisfreie Zugänge müssen mit dem Schutz historischer Substanz vereinbart werden.

Eine sorgfältige Umnutzung berücksichtigt nicht nur die Fassaden. Auch Raumfolgen, Tragwerke und charakteristische Konstruktionen gehören zur Geschichte eines Gebäudes. Werden sie vollständig entfernt, bleibt lediglich eine äussere Hülle ohne ihren ursprünglichen Zusammenhang.

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Der Waffenplatz Thun im täglichen Betrieb

Gruppe Verteidigung


Waffenplatz · Thun
Ausbildung zwischen Stadt und Allmend

Der Film stellt die Ausbildungsplätze, Betriebsabläufe und Besonderheiten des Waffenplatzes Thun vor. Er vermittelt einen Eindruck von der Grösse und Vielfalt der militärischen Infrastruktur.

Das erwartet Sie im Video
Einblicke in Ausbildung, Gelände und Alltag eines Standorts, der Thuns Entwicklung seit mehr als zwei Jahrhunderten mitbestimmt.
Video: Gruppe Verteidigung
Dokumentation zum Waffenplatz Thun


Freiflächen mit besonderem Naturwert

Die militärische Nutzung verhinderte auf Teilen der Allmend eine dichte Überbauung. Weil einzelne Flächen nur zeitweise befahren, betreten oder gemäht wurden, entstanden unterschiedliche Lebensräume. Magere Wiesen, offene Bodenstellen und wenig intensiv genutzte Randbereiche können seltenen Pflanzen und Tieren Rückzugsorte bieten.

Dieser Naturwert ist kein automatisches Ergebnis des Militärbetriebs. Er muss erfasst, gepflegt und mit Ausbildung sowie Sicherheit abgestimmt werden. Der Naturpark auf dem Waffenplatz wurde 2004 zertifiziert und 2007 erneut bestätigt.

Die offenen Flächen sind damit nicht nur militärische Funktionsräume. Sie gehören zugleich zur Landschaftsgeschichte Thuns und übernehmen ökologische Aufgaben. Gerade in einer wachsenden Stadtregion gewinnen solche zusammenhängenden Gebiete an Bedeutung.

Militärflächen als Chance für die Stadtentwicklung

Wenn militärische Nutzungen aufgegeben oder konzentriert werden, entstehen neue Möglichkeiten. Ehemalige Anlagen können Verbindungen zwischen Quartieren schaffen oder Raum für Bildung, Gewerbe, Kultur und öffentliche Nutzungen bieten.

Solche Veränderungen benötigen jedoch eine langfristige Planung. Historische Bauten, Naturflächen, Altlasten, Verkehr und die Bedürfnisse benachbarter Quartiere müssen gemeinsam betrachtet werden. Weiterhin aktive Bereiche unterliegen zudem besonderen Sicherheits- und Betriebsanforderungen.


Offene Kulturlandschaften rund um Thun verdeutlichen den Wert unverbauter Flächen. Militärische Nutzung, Landschaftspflege und Stadtentwicklung treffen hier unmittelbar aufeinander.

Der Waffenplatz bleibt ein Teil des modernen Thun

Thun gehört weiterhin zu den wichtigsten Ausbildungsstandorten der Schweizer Armee. Kasernen, technische Einrichtungen und Übungsräume dienen besonders mechanisierten und artilleristischen Funktionen. Gleichzeitig werden Ausbildung und Unterhalt stärker gebündelt.

Damit ist die Geschichte des Waffenplatzes nicht abgeschlossen. Modernisierungen, neue Gebäude und veränderte Umweltstandards beeinflussen die Stadt weiterhin. Heute bringen Bevölkerung, Denkmalpflege, Wirtschaft, Naturorganisationen, Stadtplanung und Bund ihre jeweiligen Interessen ein.

Das Militär allein erklärt Thuns Entwicklung nicht. Tourismus, Verkehr, Gewerbe und die Lage am Tor zum Berner Oberland waren ebenfalls entscheidend. Trotzdem wirkte der Waffenplatz während mehr als zwei Jahrhunderten als starker Motor des Wachstums.

Kasernen, Werkstätten und Freiflächen erzählen von der Entstehung des Bundesstaates, von technischer Modernisierung und von wechselnden Arbeitswelten. Ihre Geschichte verdient eine sachliche Einordnung, die wirtschaftliche Leistungen ebenso berücksichtigt wie räumliche Konflikte und gesellschaftliche Belastungen.

Thun wurde nicht vom Waffenplatz zur Stadt. Vielmehr wuchs die Stadt mit, neben und teilweise um das Militär herum. Genau diese enge Verbindung erklärt, weshalb die militärische Vergangenheit im heutigen Stadtbild noch immer deutlich erkennbar ist.

 

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